Am Obstgartenweg zu Plauen-Reusa, dort, wo Wandernde auch heutigen Tages noch ein wenig verweilen mögen, erhebt sich, in seltsam vertraulicher Nachbarschaft, ein Doppelgestirn von Bauwerken: die Fabrikantenvilla, im Jahre des Heils 1897 errichtet, und ihr fünf Jahre jüngerer Genosse, das Stickereigebäude von 1902, welches gegenwärtig die Schaustickerei zu Plauen unter seinem Dache birgt. Seit dem Jahre 2001 hat der Verein Vogtländische Textilgeschichte Plauen e.V. – ein Häuflein wackerer Männer und Frauen, denen das Gedächtnis ihrer Heimat noch etwas gilt – das Haus als lebendige Museumsfabrik in seine Obhut genommen, nachdem schon anno 1995 der Denkmalschutz seine schirmende Hand darüber gehalten hatte.
Schaustickerei
Ruhm und Hungerlohn wohnten unter einem Dach, und das schöne Werk schmeckte zuhause oft nach beidem.
01 / Ortsbestimmung
02 / Kugelrundschau
Die interaktive Tour durch die Stickerei führt von Raum zu Raum, zu Maschinen, Utensilien und historischen Brosamen.
Lebendige Museumsfabrik – man höre wohl auf das Wort! Es will besagen, daß die alten Stickmaschinen keineswegs zur ewigen Ruhe gebettet, sondern nur angehalten worden sind, gleichsam in jenen kurzen Schlummer versenkt, aus welchem man sie zu festgesetzter Stunde wieder zu erwecken pflegt. Und siehe, da erfährt der Beschauer aufs neue, was im Vogtlande um die Jahrhundertwende der nüchterne Alltag gewesen ist: anno 1912, in den goldenen Tagen der Plauener Spitze, schnurrten und ratterten in dieser Landschaft an die sechzehntausend solcher Maschinen, und die Stadt Plauen selbst zählte zu dieser Stunde ihre höchste Einwohnerschaft mit hundertachtundzwanzigtausend Seelen.
Und drei solcher sind es nun, auf deren Schultern die Sammlung ruht. Der VOMAG-Automat mit der Nummer 439, im Jahre 1910 aus der Vogtländischen Maschinenfabrik zu Plauen selbst hervorgegangen, ist eine Schiffchenstickmaschine, die nach Lochkarten ihr Werk verrichtet – ein Vollautomat, wie man es damals nannte, und wie man es heute kaum noch begreift. Die Kappel-Handstickmaschine, ein Jahr älter, bedient sich des Pantographen: die Stickerin fährt mit kundiger Hand das Muster auf einer Wandvorlage nach, und im selben Augenblick überträgt das eiserne Wesen jede ihrer Bewegungen auf bis zu vierhundertfünfundneunzig Nadeln zugleich.
Das Wunder ist nicht die Vervielfältigung, sondern dass die Vervielfältigung gelingt.
Die Hadam'sche Fädelmaschine endlich, ein Erzeugnis der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, fädelt dreihundert Nadeln binnen fünf Minuten ein – ein Geschäft, das vordem Kinderhände hatten besorgen müssen, die sogenannten Fännelkinder, von denen die ältesten Leute noch zu erzählen wissen.
An eben dieser Maschine tritt auch ein Stück Sozialgeschichte hervor, und wer Augen hat zu sehen, der sehe. Die Plauener Spitze, welche auf den Weltausstellungen das Staunen der Völker erregte, ist zum guten Teil in engen Wohnstuben und winzigen Werkstätten entstanden. In diesem Widerspruch lag alles beschlossen: der Stolz auf das vollendete Werk und der schmale, knappe Verdienst.
03 / Republik der Stickmeister
Auch die Wirtschaftsordnung trug ein eigenes Gepräge. Im Jahre 1911 zählte man im Vogtlande rund fünftausendzweihundert Handstickmaschinen und neuntausendachthundert Schiffchen-Automaten – und an die achtzig von hundert davon standen in Familienbetrieben, die kaum mehr als eine, höchstens zwei Maschinen ihr eigen nannten. So entstand denn keine herrische Fabrikantenlandschaft, sondern ein weitverzweigtes Netz kleiner, selbständiger Stickmeister. Und diese Linie reicht als dünner, doch zäher Faden bis in unsere Tage herein: an die fünfunddreißig Familienbetriebe sind es, welche die seit dem Jahre 1994 als geschützte Herkunftsangabe allein dem Vogtlande vorbehalte Plauener Spitze noch immer in Arbeit halten.
Diese lange Linie aber lässt sich in vier Jahreszahlen fassen, gleichwie man ein Tuch an seinen vier Enden aufspannt, auf daß sich das gestickte Muster vor Augen breite: 1858 ziehen die ersten Schweizer Handstickmaschinen ins Vogtland ein. 1900 erringt die Plauener Spitze zu Paris den Grand Prix. 1996 verstummt am Obstgartenweg der letzte Betrieb. Und 2001 endlich holt der Verein das alte Haus zurück ins Leben.
1858
Schweizer Handstickmaschinen ziehen ins Vogtland ein.
1900
Die Plauener Spitze erringt zu Paris den Grand Prix.
1996
Am Obstgartenweg verstummt der letzte Betrieb.
2001
Der Verein holt das alte Haus zurück ins Leben.
Vorführ- und Öffnungszeiten zu erfahren, steht dem Geneigten unter schaustickerei-plauen.de wohlfeil zu Gebote.
Und wer gesonnen ist, einen eignen Schauplatz zu solch erhellend Rundgang herrichten zu lassen, dem sei ein erläuternder Überblick unter Virtuelle Rundgänge anempfohlen.